KI Use Cases clustern statt sammeln: Mise en place für den Proof of Value

KI Use Cases clustern statt sammeln: Mise en place für den Proof of Value

Viele KI Use Cases sind schnell gesammelt, doch ihre Priorisierung entscheidet über den tatsächlichen Mehrwert. Erfahre, wie Du Ideen sinnvoll clusterst, strategische Fähigkeiten aufbaust und mit einem Proof of Value fundiert startest.

Inhaltsverzeichnis

Unternehmen aller Branchen beschäftigen sich mit der Frage, welche KI Use Cases tatsächlich strategischen Mehrwert schaffen. Gerade im Mittelstand und in größeren Organisationen entstehen in Data- und AI-Workshops oft schnell viele Ideen: vom integrierten Unternehmensreporting über die automatisierte Rechnungsprüfung bis zum Wissens-Chatbot.

Es gibt einen Moment, den wir in fast jedem dieser Workshops erleben: Nach zwei Stunden hängen dreißig oder vierzig mögliche Anwendungsfälle an der Wand. Die Stimmung ist großartig. Aber dann stellt jemand die Frage, die entscheidend ist: „Schön. Und womit fangen wir jetzt an?“

An dieser Stelle zeigt sich, ob aus einem energiegeladenen Workshop eine tragfähige Data- und AI-Journey wird oder lediglich eine Fotodokumentation von Klebezetteln bleibt. Entscheidend ist nicht nur, KI Use Cases zu identifizieren, sondern sie so zu strukturieren, dass daraus eine belastbare Entscheidungsgrundlage für die digitale Transformation entsteht.

Dieser Beitrag zeigt Dir den Weg von der Ideenwolke zum konkreten Startpunkt: über eine Potential Map, Clustering und Use-Case-Streams bis zum Proof of Value. Kurz: die Mise en place für Deine KI-Roadmap.

Schritt 1: KI Use Cases sammeln und in einer Potential Map verorten

Der erste Fehler besteht darin, Use Cases als flache Liste zu behandeln. Eine Liste lässt sich nur nacheinander diskutieren. Dann gewinnt leicht die Idee, die am lautesten vertreten wird, nicht zwingend der Use Case mit dem größten Potenzial.

Besser ist es, jede Idee auf einer Landkarte mit zwei Achsen zu verorten, einer sogenannten Potential Map. Sie hilft dabei, KI-Anwendungen, klassische Data-Analytics-Initiativen und mögliche Automatisierungsvorhaben in einen gemeinsamen Kontext zu bringen.

Im Bild der Küche lässt sich die Aufgabe sauber trennen. Die Speisekarte ist das Business. Das Business führt, People und Technology befähigen. Beides muss von Anfang an zusammengeführt werden und genau dafür ist die Potential Map das Werkzeug.

Im Data-&-Analytics-Kontext nutzen wir dafür auf der einen Achse den Reifegrad des Potenzials:

  • Descriptive Analytics: Was ist passiert?
  • Diagnostic Analytics: Warum ist es passiert?
  • Predictive Analytics: Was wird passieren?
  • Process Automation: Wie automatisieren wir den Prozess?
  • Monetizing Data: Wie lassen sich Daten als Produktbestandteil oder eigenständiges Produkt nutzen?

Auf der anderen Achse steht die Datenmobilisierung: Benötigt der Use Case strukturierte Batch-Daten aus ERP- und CRM-Systemen? Oder stehen unstrukturierte Dokumente, Bilder, E-Mails und andere Datenmengen im Mittelpunkt? Muss die Verarbeitung im Batch erfolgen oder in Echtzeit?

Für Portfolios mit einem starken Fokus auf Künstliche Intelligenz bietet sich eine ergänzende Map an. Ihre Achsen sind die AI-Fähigkeit und der Autonomiegrad. AI-Fähigkeiten können beispielsweise Sprache, Analyse, Generierung, Wahrnehmung, Personalisierung oder automatisierte Prozessschritte umfassen. Der Autonomiegrad reicht von „KI informiert“ über „KI unterstützt“ und „KI schlägt vor, Mensch bestätigt“ bis zu klar abgegrenzten autonomen Entscheidungen.

Gerade beim Einsatz von KI, etwa mit generativer KI, LLMs oder Machine Learning, schafft diese Einordnung Transparenz: Wo braucht es menschliche Prüfung im Sinne eines Human-in-the-Loop-Ansatzes? Wo können Prozesse perspektivisch stärker automatisiert werden?

Warum sich dieser Aufwand lohnt? Weil KI Use Cases, die im selben Bereich der Map liegen, häufig gemeinsame Umsetzungsvoraussetzungen haben. Zwei Dashboards auf strukturierten ERP-Daten benötigen ähnliche Datenanbindungen, Stammdaten und Plattformgrundlagen. Ein Dokumenten-Extraktions-Use-Case und ein RAG-gestützter Wissens-Chatbot teilen dagegen die Fähigkeit, unstrukturierte Inhalte zugänglich und nutzbar zu machen.

Die Karte macht sichtbar, was eine einfache Liste versteckt: Synergien, Abhängigkeiten und wiederverwendbare technologische Fähigkeiten.

Schritt 2: Cluster bilden: Aus vielen KI Use Cases werden strategische Themen

Jetzt folgt der entscheidende Schritt: Du schaust auf die belegte Map und bildest Cluster aus Ideen mit ähnlichen Voraussetzungen. Wie wirksam dieses Prinzip ist, zeigt jede Profiküche: Der Saucier führt Fleisch und Saucen, der Entremétier die Beilagen, der Pâtissier die Desserts. Jeder Posten bündelt Geräte, Handgriffe und Mise en place, die sich alle Gerichte seiner Nachbarschaft teilen.

Genau solche Posten suchst Du auf Deiner Map, denn sie zeigen, welche Enabler Deine Speisekarte wirklich verlangt. In der Praxis kristallisieren sich oft wenige natürliche Themenfelder heraus.

Analyse und Diagnose

Dieses Cluster umfasst Reporting- und Controlling-Anwendungsfälle auf strukturierten Daten, etwa Unternehmensreporting, Vertriebsperformance oder Einkaufs-Dashboards. Der gemeinsame Nenner ist eine integrierte, verlässliche Datenbasis über Systemgrenzen hinweg.

Prognose und Potenzialanalyse

Hierzu zählen Forecasting, Kundenwert-Scoring, Lieferkettenprognosen oder die Analyse von Verkaufsdaten und Markttrends. Das Cluster baut auf einer belastbaren Datenbasis auf und ergänzt sie um Modellierungs- und Data-Science-Expertise. KI-Modelle können dabei unterstützen, Entwicklungen vorherzusagen und Muster in Daten frühzeitig zu erkennen.

Dokumenten-Automatisierung und Agentic AI

Rechnungseingang, Auftragsbestätigungen oder Unterlagenprüfung gehören typischerweise in dieses Cluster. Der gemeinsame Nenner: Unstrukturierte Belege verstehen, Informationen extrahieren, mit vorhandenen Daten abgleichen und definierte Folgeschritte ausführen.

Abhängig vom konkreten Prozess können solche KI-gestützten Lösungen Routineaufgaben reduzieren und Teams von manuellem Aufwand entlasten. Dabei bleiben Governance, Rollen und klare Leitplanken für die KI-Systeme zentrale Voraussetzungen.

Wissenszugang und Conversational AI

In diesem Cluster stehen Chatbots und Assistenten im Mittelpunkt, die auf Unternehmenswissen zugreifen. Ein Beispiel ist ein interner Chatbot für den Kundenservice oder für Fachbereiche, der Informationen aus verstreuten Quellen auffindbar macht. RAG kann dabei helfen, Sprachmodelle mit relevanten, unternehmensinternen Inhalten zu verbinden.

Ein sauberes Berechtigungskonzept, die Qualitätssicherung der Inhalte und die Einbindung bestehender IT-Systeme sind hierbei wesentliche Aspekte der KI-Integration.

Aus dreißig konkurrierenden Einzelideen werden so wenige strategische Themen. Die Diskussion verändert sich fundamental. Statt zu fragen, welcher einzelne Use Case gewinnt, lautet die bessere Frage: Welche Fähigkeit bauen wir zuerst auf und welche weiteren KI Use Cases ermöglicht sie?

Zwei ehrliche Einschränkungen gehören dazu. Erstens folgen die Kreise den geteilten Voraussetzungen, nicht dem Organigramm. Wer jeder Abteilung ihren eigenen Cluster zeichnet, hat die Liste nur hübscher aufgemalt. Zweitens ist ein Kreis auf der Karte noch kein Posten in der Küche. Die geteilte Voraussetzung ist damit gefunden, nicht gebaut. Die erste integrierte Datenbasis bleibt ein ordentliches Stück Arbeit.

Nach Themen geclusterte Haftnotizen.
Clustering verwandelt 30 einzelne Ideen in wenige strategische Themen mit gemeinsamen Voraussetzungen.

Schritt 3: Von Clustern zu Streams – Fähigkeiten statt Einzelprojekte entwickeln

Jedes Cluster wird nun zu einem Use-Case-Stream: einem Arbeitsstrang mit einem konkreten ersten Use Case, einem klaren Fokus und benannten Stakeholdern.

Die zentrale Denkfigur lautet: Ein Stream liefert nicht nur seinen ersten Use Case. Er eröffnet eine Fähigkeit, die weitere Anwendungsfälle desselben Clusters befähigt.

Wenn der Analytics-Stream die ersten integrierten Dashboards aufbaut, entstehen nebenbei Datenanbindungen, Stammdatenlogik und Governance. Davon profitiert jede spätere Auswertung. Wenn der Dokumenten-Stream die Rechnungsprüfung automatisiert, entsteht eine wiederverwendbare Fähigkeit zur Extraktion und zum Abgleich von Informationen. Der nächste Beleg-Use-Case kann darauf aufsetzen.

Das gilt ebenso für weitere Bereiche: Eine Anomalieerkennung kann beispielsweise auf gemeinsamen Daten- und Monitoring-Grundlagen aufbauen. Vorausschauende Wartung oder Anlagensteuerung benötigen ebenfalls eine belastbare Integration von Daten, Modellen und operativen Workflows. Die konkrete Anwendung ist branchenabhängig, die zugrunde liegenden Fähigkeiten können jedoch über mehrere Vorhaben hinweg wiederverwendbar sein.

Deshalb lohnt es sich, Streams bewusst über die Potential Map zu verteilen. Jeder Stream erschließt eine andere Region. Gemeinsam entsteht ein Fundament für ein skalierbares Portfolio an KI-Lösungen.

Schritt 4: KI Use Cases priorisieren und Verbindlichkeit schaffen

Bleibt die zentrale Frage: Welcher Stream sollte zuerst starten?

Hier trennt sich saubere Methodik von einem Wunschkonzert. Der Mechanismus ist wichtiger als jede einzelne Scoring-Formel. Bei der Use-Case-Analyse wird der erwartete Mehrwert strukturiert aufgenommen: Welcher Effekt soll entstehen? In welcher Größenordnung? Woran wird er messbar?

Diese Bewertung sollte nicht allein durch externe Beratung erfolgen. Die Business Leader und der jeweilige Fachbereich bewerten den Nutzen ihrer eigenen Use Cases. Genau darin liegt ein wesentlicher Vorteil eines strukturierten Requirements-Engineering- und Priorisierungsprozesses: Er schafft Ownership und Verbindlichkeit.

Wer den Nutzen seines Use Cases selbst eingeordnet hat, trägt die Initiative später eher mit. Ownership entsteht beim Bewerten, nicht erst beim Kickoff.

Die Kostenseite muss das Business dabei nicht allein ermitteln. Die Aufwände der KI-Anwendungen sowie die umgelegten Kosten der erforderlichen Enabler, etwa Plattform, Datenanbindung, Governance oder Softwareentwicklung, können durch ein umsetzendes Data-Team oder einen Beratungspartner transparent gemacht werden.

So entsteht für jeden Use Case ein nachvollziehbares Nutzen-Kosten-Paar. Aus der Potential Map wird ein priorisiertes Portfolio. Häufig ergibt sich daraus ein Staffelstart: ein oder zwei Streams beginnen sofort, weitere folgen in späteren Horizonten, wenn die notwendigen Grundlagen geschaffen sind.

Schritt 5: Mit einem Proof of Value starten

Bleibt die Frage nach dem allerersten Schritt. Unsere klare Empfehlung lautet: Starte mit einem Proof of Value (PoV) und bewusst nicht nur mit einem Proof of Concept.

Ein Proof of Concept fragt: „Ist das technisch möglich?“ Bei vielen technologischen Fragestellungen rund um KI ist das allein heute häufig nicht mehr die entscheidende Frage. Ein Proof of Value fragt dagegen: „Schafft diese Lösung bei uns messbaren Wert und können wir die Fähigkeit anschließend nachhaltig nutzen?“

Das ist die Frage, an der Budgets, Vertrauen und die weitere Transformation hängen.

Zwei Kolleg:innen sitzen nebeneinander vor einem Bildschirm.
Ein Proof of Value beweist seinen Wert im Tagesgeschäft und hinterlässt Fähigkeiten im Team.

Ein guter PoV nimmt sich ein oder zwei priorisierte KI Use Cases aus den Start-Streams vor und verfolgt drei Ziele gleichzeitig:

Wert belegen

Der Use Case wird produktiv umgesetzt und an konkreten Größen gemessen. Das können beispielsweise die Prüfzeit pro Beleg, die Fehlerquote, die Conversion-Rate oder ein Zusatzumsatz pro Segment sein. Es geht nicht um ein Demo-Video, sondern um den Mehrwert im Tagesgeschäft.

Fähigkeiten wiederverwendbar aufbauen

Plattformkomponenten, Data Products, APIs und Standards sollten so gestaltet sein, dass weitere KI-Anwendungen darauf aufsetzen können. Die Grundlage für eine AI Factory entsteht damit nicht erst nach dem ersten Projekt, sondern bereits während des PoV.

Enablement im Unternehmen verankern

Der oft unterschätzte Teil eines Proof of Value ist das Enablement. Ein PoV, nach dem ein Dienstleister geht und das Wissen mitnimmt, bleibt gemietete Kompetenz. Nachhaltiger ist eine gemeinsame Umsetzung im Tandem: mit Pairing, Trainings, dokumentierten Entscheidungen und einer sauberen Übergabe.

Am Ende steht idealerweise ein Team, das ähnliche KI Use Cases künftig eigenständig umsetzen oder fundiert steuern kann. Externe Expertise kann sich dann auf neue, komplexere Themen konzentrieren, beispielsweise auf die Weiterentwicklung von Data Engineering, Machine Learning oder die Integration weiterer KI-Modelle.

Das Ganze in einem Satz

Der Weg von der Wand voller Klebezettel zum laufenden System lässt sich so zusammenfassen: Sammeln, verorten, clustern, in Streams übersetzen, verbindlich priorisieren und mit einem Proof of Value starten, der Wert beweist und Fähigkeiten hinterlässt.

Die Ideenwolke ist dabei nie das Problem. Sie ist der Rohstoff. Entscheidend ist, die Potenziale strategisch zu strukturieren. Denn wenn Use Cases im Unternehmen unsortiert bleiben, entscheidet der Zufall, womit Du startest. Ein klarer Prozess hilft Dir dagegen, KI-Einsatz, Datenbasis und Business-Ziele sinnvoll zusammenzuführen.


Du möchtest KI Use Cases in Deinem Unternehmen strukturiert priorisieren und aus ersten Ideen konkrete, messbare Vorhaben entwickeln? Wir unterstützen Dich dabei, Potenziale zu bewerten, passende Streams aufzusetzen und einen Proof of Value nachhaltig umzusetzen.

Erfahre alles über Data & AI Strategy

Du hast Fragen? Kontaktiere uns

Lennart Werner

Your contact person

Lennart Werner

Data Strategy Solution Lead

Außenansicht eines Bürogebäudes von b.telligent

Wer ist b.telligent?

b.telligent – das ist Data Analytics, AI, Customer Engagement und Data Visualisation. Das ist Deutschland, Österreich, die Schweiz und Rumänien. Doch das Entscheidende ist unser Team: Menschen mit echter Leidenschaft für Daten, die gemeinsam innovative Lösungen schaffen und Unternehmen nachhaltig voranbringen.

Ähnliche Beiträge

chevron left icon
Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag
chevron right icon

Kein vorheriger Beitrag

Kein nächster Beitrag